storyteller

Warschauer Spleen

Ein kleines Vernissage-Abenteuer zweier Künstler

Stellen sie sich vor.

Man wird auf seiner hauseigenen Vernissage von einem polnisch-deutschen Pastor angesprochen, ob wir im Dezember Interesse haben, in Warschau auszustellen – Thema: „Frauen gegen Gewalt“

Dieser besagte Pastor, als Organisator, war von unseren Werken sehr angetan, obwohl man zu dem geplanten Thema unter unseren Bildern wenig bis überhaupt nichts finden konnte.

Thema also wichtig und interessant.

Zeitlich mehr als knapp – die vorgesehenen 20! (zwanzig?) Arbeiten  vorzubereiten.

Aber, was solls  machen wir.

Von der Organisationsseite her erschien es uns gleich zu chaotisch, aber ein polnisches Temperament mal angenommen, haben wir ständig die Erklärungen für Unkonkretes versucht zu finden.

In kürzester Zeit waren also drei Ausstellungsplätze in Warschau geplant… und die Vernissage… und noch dazu ein Interview mit einem polnischen Fernsehsender.

Kost und Logis in der polnischen Hauptstadt inkl. Spesen waren versprochen.

Zu unseren Lasten sollte nur der Transport fallen und die Versicherung der Gemälde.

Leider war es war nicht möglich die Sponsoren zur karitativen Großzügigkeit zu überzeugen da ein paar große Organisationen und Vereine schon mitgewirkt haben (Evangelische Kirche, La Strada, Deutsche und Österreichische Botschaft).

So hat man sich mit vollem Vertrauen konzentriert an die Arbeit gemacht, die Zeit war tatsächlich für so viele Werke sehr knapp.

Und dann war es schon so weit – der Dezember kam, die Bilder waren fertig, der Winter hat sich von seiner mächtigsten Seite gezeigt und wir konnten die Abenteuerreise nach Warschau antreten.

Es folgte eine lange Reise durch Wind, Matsch und die handelsübliche Glätte.

Das hat uns in sechzehn Stunden endlich zum Ziel gebracht. Die verabredete Adresse hatten wir schnell gefunden, jedoch vor verschlossenen Türen.

Erster Schreck: Was jetzt. Beide in erledigtem Zustand – haben wir kurz überlegt und angefangen wild herumzutelefonieren.

In einer halben Stunde ist eine Frau (noch eine verantwortliche Pastorin) gekommen und hat uns einquartiert. Jugendstil-Wohnung im dritten Stock mit Ausblick auf den Kulturpalast mit warmer, kleiner Küche, heißer Dusche und leckerem Abendessen.

Das war gerade das, was wir jetzt brauchten. Später ist noch der Organistor-Pastor bei uns angedockt und mit seinem gesponserten Cognac konnten wir uns alle bei einem nettem Smalltalk in die Warschauer Atmosphäre einleben.

Gegen 04:00 Uhr früh haben die Organisatoren bemerkt, dass wir eigentlich in zwei Stunden im Fernsehstudio zur Live-Sendung verabredet sind. Plötzlich hatte man nicht einmal die Zeit erstaunlich zu reagieren,  eine Stunde zu schlafen, dann eine Stunde um sich einzurichten und durch die halbe Stadt das Ziel zu erreichen.

Also – in diesem Tempo haben wir noch nie die morgendliche Pflege, Make-up mit besonderer Auflage wegen Müdigkeit- und den Erschöpfungsaugenringen geschafft. Aber gut!

Pünktlich im Studio mit den Bildern zum Interview.

Im Hintergrund sind unsere Bilder erst zunächst einmal zensiert worden – heikles Thema – aber Kunst muss doch schön sein, oder was?.

Man konnte nicht einmal Stellung dazu nehmen, man war ganz einfach nicht gefragt.

Das Interview ging flott, ließ keine Zeit nervös zu sein. Dann schnell zurück in die Wohnung – eilig. Ein „…bis dann“ von Frau Pastorin und der restliche Tag war zur freien Verfügung.

Wir haben mit Ausschlafen angefangen.

Um 12:00 Uhr wollten wir etwas essen, aber niemand von den Veranstaltern hat sich wohl mit dem Thema weiter beschäftigt, wie die nächsten Tage ablaufen sollten.

Das Wetter hatte sich langsam verschärft – ohne Gesichtsschutz konnte man die Straßen nicht betreten. Wind, Schnee ohne Ende,fast bis zum Knie, hat die rekreative Seite unseres Daseins unmöglich gemacht.

Gezwungen zur Selbstversorgung haben wir den Körperkontakt mit der unmenschlichen Kälte wagen müssen. Die allgemeine Wohnungstemperatur war langsam auch nicht mehr ausreichend, also haben wir uns in der Küche an den Gasherd „angebunden“ und mit dem Ausblick auf den Kulturpalast in den Schnee-Nebel bis zum ersten Licht der Stadt den Warschauer Spleen voll bewusst zu erleben begonnen.

Der nächste Tag schien nicht groß verändert zu sein. Kein Veranstalter hat sich bei uns gemeldet, keine essbaren Formen waren im Kühlschrank vorhanden.

Wir waren also wieder auf die Konfrontation mit dem Außenzustand angewiesen.

Dazu muss man sagen: „in unserem Wintermäntelchen haben wir doch ein klein wenig anderes Bild abgegeben als im Vergleich zu den Passanten, die in Pelzen, Mützen  vollgerüstet durch die Straßen, rutschweiße sich bewegten. Diesen Tag haben wir auch in der Küche verlebt – ahnungslos was weiter, wie und wann und wo die Vernissage denn nun stattfindet.

Der dritte Tag kam -  Anfangs schien es ohne Änderungen – dann um 15:00 Uhr rief uns die Pastorin an, dass wir ganz schnell irgendwo landen sollten – mit den Bildern, um bis 18:00 Uhr den Vernissage-Raum damit zu bestücken. Das darf doch nicht war sein… Straßenverkehr von wahnsinnig bis impossible;  Sicht draußen bis ausgestreckte Handweite, Ausstellungsräume weis der Geier wie weit vom Warschauer Zentrum… also NEIN! –  entweder werden wir abgeholt, oder die können sich selber ausstellen.

Dazu noch die kurze Zeit zur Vorbereitung -  totaler Wahnsinn.

Um 16:00 Uhr ist bei uns der Pastor gelandet. Seinen hysterischen Eintritt mussten wir schnell entschärfen – organisatorisches Versagen wird er auf uns nicht entladen. Im Endeffekt haben wir abgestimmt, dass er zuerst fährt und wir schleichen direkt hinter ihm mit unserem Auto. Na gut  schöner Plan, aber schon auf der ersten Kreuzung sind die Verkehrsprobleme entstanden. Da sehen wir plötzlich, wie er elfenhaft aus dem Auto springt, andere Autofahrer dirigiert; mit fliegendem Mantel wirft er sich auf die, die unbedingt zwischen unsere Autos dringen wollten – dann, während der langsamen Fahrt unterhält er sich durch hektische Gestik mit dem Gegenverkehr, stoppt mit seinem Wagen die Straßenbahn, um für uns einen freien Weg zu verschaffen… Ergo – wir haben endlich den halben Kilometer in 1,5 Stunden geschafft. Auf die Schnelle haben wir die Bilder ausgeladen. Durch den thermischen Schock haben sich leider gleich ein paar Scheiben zerkleinert. Im Ausstellungsraum waren zwar die Ständer vorbereitet, aber keine Lösung zum Aufhängen der Werke. Die Pastorin ist also flugs ins nächste Angelgeschäft gerannt und hat uns Angelhaken und Nylonseile (Angelschnur) geholt. Außergewöhnlich kreative Lösung  muss man sagen. Na – Hauptsache es hat mit dem Aufhängen geklappt. Die Vernissage sollte mit einem Konzert anfangen. Eine Harfenistin aus den USA ist zu dieser Veranstaltung gekommen. Das Konzert war in der Evangelischen Kirche geplant. Die Kirche  – nicht mal vorgeheizt (das pure Leiden Christi) -  wir in unseren Mäntelchen haben noch mehr gezittert als die Harfenistin im Cocktailkleid mit kurzen Ärmeln und ohne Handschuhe  Das Publikum jedoch – bis zu den Zähnen in sibirischer Winterbekleidung. Aber sie hat phantastisch gespielt. Danach war es schon soweit für die übliche Eröffnungsrede, obwohl wir uns schon gewünscht hätten, dass der Kulturattacheè der Deutschen Botschaft in Warschau uns persönlich die Hand zur Begrüßung gibt.

Um 20:00 Uhr haben wir bemerkt, dass wir heute noch nicht zum Essen gekommen sind und vielleicht wäre es möglich auf der Vernissage ein Häppchen zu schnappen?. Eine Pflegekraft hat uns hinter den Kulissen ein paar Brotschnitten geschmiert, weil für Menü und Sekt oder Wein zu dieser Vernissage hat sich auch kein Sponsor gefunden. Die Besuchermenge war auch überraschen gering. Gemeindemitglieder mit wenig Interesse zur Ausstellung und zum Veranstaltungsthema überhaupt. Keine Presse war da. So hat sich dann auch herausgestellt, dass dieser Fernsehauftritt als einziger als Werbemaßnahme gedacht war – keine Plakate, keine Radioansage, keine Presseankündigung: Infoflaute! Na dann, kein Wunder – auch keine Sponsoren im Vorfeld, aber auch danach für den La Strada-Verein. Wozu das ganze?. Diese Frage beschäftigt uns bis Heute. Aber gegen 22:00 Uhr durften wir zurückfahren  diesmal war es leichter, der Pastor kannte die Strecke schon selbst und der Verkehr war auch ruhiger. Auch der Schnee hatte ein bisschen nachgelassen. Ohne persönlichen Abschied sind wir zur Wohnung zurückgekommen und hatten wieder keinen Plan für die nächsten Tage. Die angesagten zwei weiteren Ausstellungen waren im Gespräch diplomatisch an den Themenrand geschoben worden, unsere Zukunft stand offen.

Es kam der nächste Tag.  Gegen 12:00 rief uns der Pastor mit aufgeregter Stimme an, dass wir die Bilder auf die Schnelle aus der gestrigen Ausstellung holen sollen und in der Cafeteria „Belle Epoque“ in der Warschauer Altstadt ausstellen müssten, weil heute Abend die nächste Vernissage dort in Vorbereitung ist.  Aha!

Draußen wieder unmenschliche Wetterumstände, aber O.K. – machen wir. Wir waren schon beim Abflug, als die Pastorin uns angerufen hat: sie hat schon alle Bilder in ihr eigenes Auto gepackt und ist direkt auf dem Weg zu uns. Uns war warm und kalt zugleich – wie viel Mut muss man haben, um fremde Werke so anzupacken. Obwohl  – wir haben mal draußen das Wetter wieder angeschaut und im Grunde genommen war uns das unter diesen Umständen auch Recht. Tatsächlich – binnen einer Stunde ist sie mit den Bildern im Auto zum Umpacken gekommen  aber wieso nicht direkt zu dem neuen Ausstellungsraum? Viel zu Bereden war auch nicht, weil sie gerade festgestellt hat, dass unser Auto so genannte „Schuhe“ aufs Rad bekommen hat (wg. Falschparken) und sie uns zuerst „freikaufen“ muss.

Frau Pastorin war auf Bestechungsmöglichkeitensuche – wir beim Umpacken. Als beide Sachen erledigt waren, sind wir in die Warschauer Altstadt gefahren um die neue Ausstellung vorzubereiten – und haben Glück gehabt. Schnell war die Location  gefunden – mit einem freien Parkplatz in der Nähe. Wir kamen in das Café – uns umschauen. Die Besitzerin hatte keine Ahnung, dass überhaupt irgendeine Ausstellung stattfinden sollte. Die Räume waren mit unterschiedlichen Dekozeug voll gepackt.  Mindestens eine Woche Arbeit also, um die Räume zur Ausstellung vorzubereiten. Noch dazu das Ambiente zum Thema nicht passend (oder umgekehrt) und für diese Frau war das Thema allein das totale Novum. Also haben wir uns mit erstaunten Augen angeschaut, zusammen Kaffe getrunken und auf den Pastor  „Organisator“ gewartet. Inzwischen ist so viel Schnee gefallen, dass man nicht unproblematisch ins Café kommen konnte. So ist also der Pastor erst nach zwei Stunden erschienen – wieder mit seiner hektischen Anmache, wieso unsere Bilder nicht schon längst an den Wänden hängen.

Wir haben mit lautem Lachen geantwortet.

Wie interessant kann ein Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen sein? Auf die Frage: wie viele Gäste schriftlich eingeladen sind zu dieser „Vernissage“  war tote Stille als Antwort für uns der eine Tropfen im Krug zu viel.

Auf die schnelle haben wir die Rechnung für fehlende Spesen erstellt und auf Nimmerwiedersehen von ihm Abschied genommen. Die Straßen zur Wohnung mit dem Kulturpalast-Ausblick waren schon sehr gefährlich. Rutschig, zwischen den Auto-, Straßenbahn-, und Passantenchaos haben wir beulenfrei die Wohnung erreicht. Schon gepackt und ganz früh am nächsten Tag haben wir uns auf die Rückreise gemacht. Der Warschauer Spleen hat uns trotzdem viel gegeben. Wir haben gelernt, was daraus entstehen kann, wenn sich der Wahnsinn mit Naivität trifft. Und trotzdem viel Glück gehabt – von der ganzen Kollektion hatten nur fünf Bilder Glasbruch, aber keines war beschädigt. Glück gehabt, dass wir uns entschieden haben früher abzureisen – einen Tag später waren die Straßen in Polen nicht mehr befahrbar. Ohne zusätzliche Komplikationen sind wir am Heiligen Abend zu Hause gelandet, wo der Kühlschrank voll war, ein Tisch im warmen Zimmer war gedeckt und endlich der Plan für die nächsten Tage gesichert.

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